Das Un-Erwachen – Shadowrun-Kiel

Vorwort

Das Un-Erwachen ist eine Kurzgeschichte im Shadowrun-Universum von Peter Groth und nimmt Bezug auf die Abläufe des Disianischen Krieges. Hauptquelle ist „Schattenload 2026-03 – Der Disianische Schattenkrieg“ Link zum Schattenload

Diese Hintergrundinformationen gaben mir die Idee, meine Protagonist:innen mal wieder leiden zu lassen. Denen ging es eh viel zu gut.

Spielen tut sie nach all den vorher geschriebenen Geschichte. Also nach meinen Büchern „Shadowrun Kiel“ und „Shadowrun Kiel – #2“. Beides noch nicht veröffentlicht. Sorry.

Peter – Pjotr – Groth, Mai 2026


27. Februar 2010

Niemand bekam mit, wie ein „Ding“ fauchend im Wald des Segeberger Staatsforstes einschlug. Auch nicht, dass aus diesem „Ding“ weiter kleine „Dinger“ ausgesandt wurden. Heute hätte man verstanden, dass damals Daten gesammelt wurden. Weltweit passierte das. Die wenigen Menschen, die etwas feststellten, wurden nicht gehört. Und kaum ein halbes Jahr später raffte ein Virus, später VITAS genannt, so viele Menschen hin, dass die läppische Ereignisse von vor ein paar Monaten nicht mehr wichtig waren.


24. Juli 2083 – Kiel

„Mir ist immer noch schlecht.“

„Hast du deine Tage?“

„Nein, Karl. Diese Stürme machen mir zu schaffen.“

Erstaunt schaute der junge Rigger aus dem Fenster. Zur Abwechslung war das Wetter über Kiel schön. Weiße wunderschöne Wolken, blauer Himmel, die üblichen Möwen und Krähen flogen neben zahlreichen Drohnen und Luftschiffen. Karl musste sich anstrengend, den Blick von dem riesigen Zeppelin abzuwenden.

„Es, also, es ist schön draußen.“

„Ja, du Idiot. Es sind die Manastürme. Die sind mal ein Sturm, wie du Klotz ihn kennst und manchmal nur“, die junge Hexe sprang auf, rannte zum Klo und übergab sich geräuschvoll.

„Also dein Zeug, mit dem du zaubern kannst, dass ist in Aufruhr.“

Genervt von so viel Ignoranz, rollte Inge mit den Augen und musste sich gleich wieder übergeben.

Ihr Kom piepte. Nachdem Inge sich den Mund ausgespült hatte, setzte sie sich stöhnend auf ihr Bett und las. „Klara geht es auch nicht besser. Die Zauber wirken auch nicht mehr so, wie sie sie in den Ferien lernen sollen. Ohh!“

Sie sprang wieder auf und rannte zum Klo.

„Na, Hauptsache, du bist nicht schwanger.“

„KARL! Manchmal bist du so ein Idiot! Ich kotze mir hier die Seele aus dem Leib und du denkst an so was.“

„Lieb hast du mich trotzdem, oder?“

„Grad viel weniger.“ Sie würgte noch etwas Galle hoch, dann war der Magen leer.

„Ihr Geister, was ist nur los?“

„Soll ich dir einen Tee kochen oder Wasser bringen?“

„Wasser, bitte. Den Tee koche ich mir in meiner Hütte selbst.“

Sie wankte, ab und an gestützt von Karl, zu ihrer kleinen Hütte im Hof des Mietshauses. Sofort bemerkte sie, dass es nicht nur ihr schlecht ging.

„Ignis? Was ist mit dir?“

Ignis, ihr Freund und Feuerelementar, wohnte bei Inge im Ofen. Normalerweise bollerte er fröhlich los, wenn Ingeborg ihre Hütte betrat und ihm etwas mitbrachte. Sie fütterte ihn zum Spaß mit Tannenzapfen oder ähnlichem. Die knallten so schön.

Nun war der Ofen lauwarm und es glühte auch nicht rot hinter der kleinen Tür hervor. Es sah so aus, als würde im Ofen nur eine Kerze brennen.

„Ignis, wie kann ich dir helfen?“

Karl sah sich in der Hütte um. Gandalf saß auf seinem Ast und schlief. So schien es. Irritiert bemerkte Karl, was ihn störte. Gandalf, sonst immer sehr gepflegt, was seine Federn anging, sah nun zerzaust aus.

„Inge,“ Karl zupfte seiner Freundin am Ärmel, „Gandalf sieht auch nicht so gut aus. Und guck mal da! Dein Hausgeist, der mir sonst gern Streiche spielt, der hängt ganz schön in den Seilen.“

Inge richtete sich ächzend auf, Karl half ihr. Der Hausgeist mit seinem Hut, lag in seinem Bettchen und war so blass und farblos, wie das Kissen. Wie durchsichtig wirkte er. Gandalf schien beinahe von seinem Ast zu fallen.

„Oh nein, was mache ich nur?“

Sie konnte nichts tun. Ihre magischen Kräfte waren so durcheinander, dass sie sich nicht traute, einen Heilzauber zu wirken. Sie kochte Tee auf einem Esbit-Kocher, den sie auf den Ofen stellte. Sie wollte Ignis nicht stören. Ihren Hausgeist streichelte sie, deckte ihn zu und schlief dann selber auf der Couch ein. Karl ging zu sich und durchforstete die Matrix. Freddy bat er auch, sich umzuschauen.

Inge war nicht allein. Weltweit hatten die sogenannten Manastürme zugenommen. Teils für alle Menschen als tosender Sturm wahrnehmbar, teils nur als Auswirkung für magisch Begabte Metamenschen. Egal, welcher Sturm tobte, Erwachte litten. Sehr.


26. Juli 2083

Eine junge Hexe erwachte aus einem unruhigen Schlaf voller Alpträume. Alpträume, die von schmerzlichen Verlusten, von Entkräftung und Machtlosigkeit voll waren.

Obwohl sie mehrere Stunden geschlafen hatte, fühlte Ingeborg sich, als würde ein Manasturm sie die ganze Nacht durch die Luft geschleudert haben.

Plötzlich wurde es ihr bewusst! Mana! Sie spürte nichts mehr. Gar nichts. Nur noch ihre normalen Menschlichen Funktionen. Sonst nichts. Die Erkenntnis traf sie, wie ein Bohrer im Zahn ohne Betäubung.

„NEIN!“ schrie sie verzweifelt hinaus, krallte sich in ihr Laken und weinte laut.

Ihr Vater sprang herein, gefolgt von Karl. Beide hatten zuvor in der Küche gesessen und beratschlagt, wie sie Inge helfen konnten.

„Kind! Was hast du?“

So hilflos, so verzweifelt, so bitter traurig hatten die beiden das Mädchen noch nie erlebt. Ihr Vater und ihr Freund stach es ins Herz. Inge klammerte sich an ihren Vater, der sie hilflos im Arm hielt.

„Es ist weg. Es ist weg. Alles weg. Ich spüre nichts mehr.“

„Tochter, was meinst du?“

„Meine Magie. Sie ist weg. Einfach weg.“

„Drek!“ fluchte Karl und schluckte hart. Nicht im Ansatz konnte er ermessen, wie es seiner Freundin gehen mochte. Nimm mir die Drohnen und alle Tech weg, wäre es nicht mal halb so schlimm, wie es für Inge sein musste.

„Ich spüre gar nichts. Überhaupt nichts. Oh nein! Ignis! Gandalf! Mein Hausgeist!“

Mit wackeligen Beinen stand sie aus dem Bett auf, warf sich eine Jacke über und wankte unsicher zur Tür.

Als sie die Tür zum Häuschen aufstieß, sah sie es sofort. Der Ofen war leer. Das kleine Bettchen ebenso. „Ignis!“ hauchte Inge. „Ignis! Wo bist du?“

Bett und Ofen waren kalt und leer.

„Schau nur, Gandalf liegt wie tot auf dem Kotbrett unter seinem Ast.“

Vorsichtig hob Karl die schwarze Sturmkrähe vom Brett, wischte vorsichtig etwas Staub und Dreck von seinen Federn, das musste Inge ja nicht auch noch sehen, und reichte den Vogel an Inge, die ihn liebevoll in den Arm nahm.

„Ich spüre ihn nicht. Sonst hatten wir immer eine Verbindung. Jetzt liegt er hier so kalt.“

„Kannst du fühlen, ob, naja, ob er noch atmet?“

Vorsichtig legte sie die Finger auf den Brustkorb des großen schwarzen Vogels.

„Wenn überhaupt, dann nur ganz leicht. Er ist wie erstarrt. Als sei er eine Puppe.“

Wieder weinte Inge, beugte sich über den Vogel und krümmte sich wie von starken Krämpfen gepeinigt auf der Couch zusammen.

Während Inges Vater überlegt, ob er zu Dr. Müller gehen sollte und Karl Inge vorsichtig im Arm hielt, klopfte es zaghaft an der Tür.

Beide drehten sich zur Tür. Ein Junge stand im Rahmen.

„Nikodemus, Hallo.“

„Ha – Hallo.“ Der Junge wirkte unsicher, biss sich auf die Lippen und schaute zwischen Vater und Freund hin und her.

„Was kann ich für dich tun?“

„Meine Eltern … sie, sie sind, also, sie sind so komisch.“

„Komisch? Was meinst du?“

„Sie bewegen sich nicht mehr.“

Karl und Inges Vater bekamen große Augen.

„Sie haben mir mal gesagt, dass ich nicht einen Arzt holen soll, wenn mal was ist. Nun liegen sie da und machen nichts mehr.“

Der Vater und Karl schauten sich ernst an und Karl erhob sich und nickte Inges Vater zu.

„Ich gehe rüber und schaue nach. Dann frage ich Dr. Müller. Der kann sich dann auch Inge ansehen.“

„Mach das, Junge. Ich bleibe hier bei ihr.“

Die Wohnung von Nikodemus Eltern war wie eine normale Wohnung eingerichtet. Wohnzimmer mit Trid, eine Küche, ein Kinderzimmer und das Schlafzimmer der Eltern.

„Da ist das Zimmer von Mama und Papa.“

„Danke, soll ich mal schauen?“
„Ja. Bitte.“ Nikodemus Stimme zitterte und Karl ging langsam zu den im Bett liegenden Erwachsenen. Blass wie immer lagen sie unter ihren Decken. Vorsichtig prüfte Karl die Atmung. Ach, die müssen ja nicht atmen, fiel ihm dann ein. Ob Vampire Puls haben?

Da er nichts spürte, außer der Kälte der Haut, deckte er den Vater wieder zu und wandte sich an Nikodemus.

„Niko, ich glaube sie schlafen momentan ganz fest. Ich gehe mal rüber zu Dr. Müller und frage ihn, ist das Okay für dich?“

„Hmm, Mama hat immer wieder gesagt, ich soll keinen Arzt holen.“ Die Verzweiflung war Nikodemus anzusehen und zu hören. Er weinte.

„Gut, dann frage ich ihn nur um Rat. Und du gehst erst mal zu Inge und ihrem Vater, ja?“

Karl war froh, dass sie Sommerferien hatten. Sonst wären sie in der Schule gewesen und niemand hätte dem Jungen geholfen.

Sein Handkom piepte. Freddy.

[Hoi, Chummer. Die Matrix quillt über vor Meldungen, dass die Magie weg ist. Drek, Mann, was ist da los? Und wie geht es Inge? Mondenkind rotiert um noch mehr Infos zu bekommen.]

[Hoi, Inge geht es übel. Magie ist weg. Ist wohl so, als würde man mir die Tech und dir die Matrix zusammen wegnehmen und auf einer einsamen Insel aussetzen.]

[Drek!]

[Jupp, ihre Geister sind auch futsch. Als wären die nie dagewesen. Gandalf ist wie erstarrt. Die Eltern von Nikodemus auch.]

[Echt? Krasser Scheiß, Chummer! Geb ich mal in Mondenkind weiter. Wir sammeln Infos. Halt die Ohren steif.]

[So ka]

Sie liebten es, sich so wie vermeintliche Runner zu unterhalten. Sie hatten damit nur wenig Erfahrung. Meist der Slang, der in Karl Kombat Mage genutzt wurde.

Bei Dr. Müller musste er etwas warten. Trotz des frühen Vormittages, war schon einiges los.

„Karl, was kann ich für dich tun? Viel Zeit habe ich nicht. Irgendwas ist heute anders.“

„Deswegen bin ich hier. Inge hat ihre Magie verloren und ist fertig mit den Nerven. Da hoffe ich, dass Sie mal nach ihr sehen können. Und die Eltern eines Jungen liegen wie erstarrt in ihren Betten. Sie, also, sie sind …“

Karl tippte in sein Kom, zeigte das Wort Dr. Müller und löschte es gleich wieder.

Schweigend sah Dr. Müller ihn an. Dann blickte er aus dem Fenster.

„Karl, was gerade passiert, weiß ich nicht. Es ist heute irgendwann angefangen und mir baut sich erst langsam ein Bild zusammen. Du gibst mir weitere Puzzle-Teile.“

Dr. Müller blickte weiter aus dem Fenster, griff zum Kaffee und schloss die Augen. Dann sagte er mehr wie zu sich selbst: „Metamenschen, die magisch begabt waren, haben diese Magie verloren. Die kommen zwar her, doch, helfen kann ich ihnen nicht. Die Art, die du beschreibst, scheint in eine Starre zu fallen. Ob sie tödlich ist, kann ich dir nicht sagen.“

„Drek! Was sage ich Nikodemus?“

„Ach, Nikodemus? Den kenne ich. War ab und an hier. Das erste Mal, als er lauter Platzwunden hatte. Hatte erst den Verdacht, seine Eltern würden ihn schlagen. Er konnte glaubhaft versichern, dass er von ein paar Jungs verprügelt worden war.“

„Das stimmt auch. Ich war dabei.“

„Oh, natürlich warst du dabei.“ Dr. Müller schmunzelte. „Was du alles erlebst, geht auf keine Kuhhaut.“ Dr. Müller dachte nach. „Sage dem Jungen die Wahrheit!“

„Und die lautet?“

„Wir wissen nicht, was los ist. Seine Eltern sind nicht allein betroffen und ich komme um sie zu untersuchen, wenn er das möchte. Bisher fehlen mir die Informationen.“

„Dr. Müller, bitte sofort in Zimmer 4!“ erscholl es aus einem Lautsprecher.

„Karl, ich muss. Wir sehen uns.“

„Und was ist mit Inge?“

„Ach, ja. Bring sie her, wenn es ihr schlechter geht. Machen kann ich allerdings nicht viel, tut mir wirklich leid.“ rief der Arzt noch und eilte aus dem Raum.

Klara saß bei Inge, als Karl zurückkam. Sie sah ebenso hilflos und verzweifelt aus, wie Inge. Beide beschrieben das Phänomen ähnlich. Sie fühlten keine Magie mehr. Als wäre ihnen ein Teil ihres Körpers, ihrer Seele, ihres Lebens entrissen worden.

„Und unsere Geister sind auch fort. Einfach weg.“ Klara weinte und putzte sich die Nase.

Karl berichtete, was Dr. Müller ihm sagen konnte und was Freddy bisher in Erfahrung brachte. Sein Kom zeigte eine Nachricht an.

[Chummer! Das glaubst du nicht! Alles, was irgendwie magischen Ursprungs war, liegt jetzt flach. Wie tot oder mindestens krank und schwach. Die Leute rufen nun zur Ghul-Jagd auf! Das große Reinemachen nennen sie es. Vampire sind wohl ähnlich betroffen, die haben wir in Kiel wohl eher nicht. Die Stadtreinigung hat festgestellt, dass die Teufelsratten nur noch große normale Ratten sind und schickt alles los, was sie haben. Und, Drek, Mann! Magier und diese Adepten und so, die werden teilweise auch verprügelt. Die haben sogar den Taliskrämer-Laden in Gaarden überfallen. So ein Mist! War Inge nicht mal da? Das geht schnell steil. Passt auf euch auf!]

[So ka, Chummer. Machen wir. Inge und Klara bleiben erst mal in ihrer Hütte. Die Nachbarn sind soweit freundlich, was die beiden angeht.]

[Denk an Klaras Mutter, die Trulla war ja schlimm.]

Karl schluckte und hielt kurz den Atem an. „Inge, Klara, ich muss euch was erzählen.“

Radio, Matrix und Trid überschlugen sich mit Nachrichten. Das komplette Fehlen der Magie hatte, wie so oft in solchen Situationen, Leute aus ihren Löchern kriechen lassen, die sonst nichts auf die Kette kriegten. Nun fühlten sie sich berufen, allen ehemals magisch Begabten Metamenschen auf die Füße zu treten. Und zwar so richtig. Ghul-Jagden, Vampir-Hatz, Roc-Nester ausrotten und Teufelsratten töten waren nur einige fast positive Beispiele.

Leider mussten schon wenige Stunden nach Bekanntwerden der Situation, bekannte Schamanistische Leute, Zauberer, Adepten, Druiden und so weiter das Weite suchen.

Glück im Unglück war, dass gerade Sommerferien waren und viele nicht an ihrer Arbeitsstätte oder zu Hause.

„Wir müssen überlegen, ob wir euch verstecken müssen.“

„Warum, Karl? Unsere Nachbarn mögen uns, soweit wir sie kennen.“

„Ja, soweit wir sie kennen. Und, sorry Klara, was ist mit Klaras Mutter?“

Beide Mädchen wurden blass.

„Ich habe eine Idee.“ Inges Vater richtete sich auf und zeigte auf das Haupthaus. „Viele sind gerade in Urlaub. Und die Alten gehen kaum raus. Und wenn, dann hängen sie nur die Wäsche hier im Hof auf.“

„Papa, was meinst du?“

„Als ich hier das erste Jahr gewohnt habe, war ich Hausmeister. Und habe den Dachboden oft inspiziert.“

Die Kinder begannen zu ahnen, worauf er hinauswollte.

„Momentan ist es dort warm, die Isolation ist gut und Strom gibt es dort auch. Es gibt einen Bereich, der seit Jahren leer steht und eine eigene Tür hat. Wenn auch eine sehr einfache. Wenn es wirklich so kommen sollte, wie du erzählst, Karl, dann könnt ihr dort erst mal untertauchen. Auch wenn mir dieser Gedanke widerstrebt. So ekelhaft können Menschen doch nicht sein, oder?“

„Och, weißt du.“ fing Karl an und schüttelte traurig den Kopf.

„Vielleicht eilt es ja nicht, Papa“, Inge schaute ihren Vater an.

„Das wäre schön.“

Klaras Handkom vibrierte. Sie las die Nachricht und wurde blass. „Nein, nein! Bitte nicht!“ weinte sie.

„Was ist?“ Inge nahm sie in den Arm.

„Mama …“ schluchzte Klara und zeigte Inge die Nachricht. Die schnappte nach Luft und schaute nervös Hilfe suchend zu ihrem Vater und Karl. Zitternd fragte sie: „Wo ist dieser Dachboden?“


Das Wiedererwachen

Über zehn Tage dauerte es, bis die Magie auf die Erde zurückkehrte. Erst nur ganz vage, wie ein zartes Streicheln des warmen Windes im Sommer. Dann wie ein Sommerregen und zuletzt, als würde einem ein schwerer Rucksack nach langem Marsch endlich vom Rücken genommen.

Die Mädchen konnten nach einigen Tagen ihr Versteck verlassen. Inges Vater hatte sie persönlich und möglichst unauffällig versorgt. Karl hatte mit seiner Drohne Verpflegung ins Dachfenster fallen lassen.

Nikodemus Eltern erwachten aus ihrer Starre und konnten sich an nichts erinnern. Vorsorglich hatte Dr. Müller Blutkonserven, getarnt als Kirschsaft, im Kühlschrank bereitgestellt. Nikodemus weinte lange in den Armen seiner Eltern. Er hatte die Zeit über bei Karl gewohnt.

Kiel war nun sauberer, wie viele Norm-Metamenschen selbstgefällig grinsend betonten. Ghule hatten nur wenige überlebt. Die wenigen bekannten Vampire waren erschlagen oder gefangengenommen worden. Teufelsratten wurden dezimiert, die Roc-Kolonie auf dem Leuchtturm hatte es arg getroffen und die magisch begabten Metamenschen kamen aus ihren Verstecken.

Der Ausbruch der Gewalt gegenüber den plötzlich nicht mehr Magiebegabten, forderte zahlreiche Todesopfer. Besonders in den schlechteren Stadtteilen. Waren es dort die Hexen, Schamaninnen, die sonst Hilfe anboten, wenn jemand krank war, wurden diese nun von dem Pöbel verfolgt. Der Pöbel, der sonst nur Alk trinkend Lebenszeit verschwendete.

Die Magische Abteilung der CAU wurde, eh in der Sommerpause, kurzzeitig geschlossen, Abteilung 7 offiziell aufgelöst, inoffiziell einer anderen Abteilung zugeteilt, damit die Stadtverwaltung sagen konnte, sie hätte aufgeräumt.

Ab September gab es die Abteilung 7 wieder und an der CAU wurde umfangreich an der neuen alten Magie geforscht.

„Es fühlt sich gut an und es fühlt sich ganz anders an.“

„Stimmt, Inge. Es tut gut, wieder Magie zu spüren, wie wieder atmen zu können, nachdem wir zu lange unter Wasser waren. Und nun ist die Luft so anders.“ Klara sah fertig aus. Ringe unter den Augen, schaute sie bleich zu ihrer Freundin.

Karl hörte den beiden zu und war froh, dass die Zeit des Versteckens vorbei war. Inge hatte er nur auf dem Handkom gesehen und beim ersten echten Wiedersehen hielten sie sich lange weinend im Arm.

Klara blieb den Rest der Sommerferien bei Inge. Ihr Vater sah sie täglich. Seine bald Ex-Frau hatte er rausgeworfen. Sie hatte Dinge gesagt und vor allem getan, die er nie aussprach und sie der Wohnung verwiesen. Klara hatte nun wieder ein zu Hause. Ohne ihre Mutter.

Die meisten Nachbarn hatten geflissentlich übersehen, dass Inges Vater unauffällig auffällig oft auf den Dachboden ging. Eine ältere Dame reichte ihm bei eine dieser Gänge leise eine Tasche aus der Tür und schloss sie schnell wieder. In der Tasche waren Lebensmittel und ein Zettel.

„Wenn ihr Mädchen Hilfe braucht, ihr seid immer willkommen. Gruß Oma Mayer“

So konnten die Mädchen wenigstens mal duschen und eine richtige Toilette benutzen.

Einmal verlangten drei Norms Einlass, sie wollten die Hexen suchen. Inges Vater stand anfangs allein im Flur und wehrte sie einsam ab. Als Karl endlich herbeieilte, standen diverse Nachbarn im Treppenhaus und draußen und die drei verpieselten sich rasch. Nicht nur Hansens Schrotflinte machte Eindruck.

Während der Tage ohne Magie, hatten die beiden Mädchen Alpträume und standen Verlustängste aus, die sie kaum beschreiben konnte oder wollten. Klara brauchte etwas länger für ihre Erholung. Zaghaft, versuchten beide Mädchen, erste Watcher zu beschwören.

Ignis vermissten beide sehr.

„Es ist so anders. So eine einfache Tat vorher, so ungelenk fühle ich mich jetzt, will ich ein Helferlein beschwören.“

„Ja, das stimmt Klara. Und die Astralebene ist auch so zäh. Früher flog ich durch sie, träumte mich durch. Nun fühlt es sich für mich an an, als wäre ich unter Wasser.“

„Oh ja, hoffentlich vergeht das wieder. Sonst müssen wir über diese primitiven Kom-Dinger reden, wenn ich wieder im Internat bin.“

Karl runzelte die Stirn. Inge hatte ein recht modernes Kom und auch das vom Internat gestellte und kontrollierte Schul-Kom, war definitiv eine höhere Preisklasse, als Karl bereit wäre zu zahlen.

„Na, ich geh dann mal rüber zu Freddy. Wir wollten schnacken.“

„Warte Karl“, sagte Inge, hielt ihn an der Hand während sie aufstand.

„Danke“, hauchte sie und gab ihm einen Kuss.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert