Diese Geschichte ist für Joscha, den Neffe eines netten Kollegen, den ich September 2026 in Berlin kennenlernte.
Joscha mag Shadowrun, was mit 11 lobenswert ist.
Grüße gehen raus, Chummer. 🙂
Joscha merkte nach und nach, dass etwas anders war. Erst hielt er es für Tagträume. Dann für Sehfehler. Dann, ganz langsam, wie das zähe aufwachen nach einem langen tiefen erholsamen Schlaf, dämmerte ihm die Erkenntnis, dass er mehr konnte, als die Kids um ihn herum. Auch mehr als sein bester Freund, der super sportlich und auch noch schlau war.
Er lag im Bett, dachte daran, den Lichtschalter zu betätigen und plötzlich ging das Licht an. Dann wollte er das Cyberdeck der Schule starten, ohne aufzustehen. Ist halt so, wenn man müde ist. Es klappte. Als dann ein Buch aus dem Regal fiel, weil er es zu sich holen wollte, war es nicht mehr so gut. Das Buch war staubig und schwer. Sehr staubig. Immerhin hatten sie noch echte Bücher.
Plötzlich „träumte“ er bewusst und war irgendwo ganz woanders. Alles um ihn herum sah so anders aus. Metall und Stein eher schwarz und tot. Die Blumen, Bäume und Tiere draußen so bunt und lebendig. Einige Tiere sahen besonders bunt aus. Gerade diese schwarzen Krähendinger leuchteten. Er schwebte in diesen Träumen durch die Straßen und sogar durch Wände. Das traute er sich allerdings nur selten. Beim Besuch einer fremden Wohnung, starrte ihn irgend so ein Vogel direkt an und Joscha erschrak fürchterlich.
Der Junge übte immer mehr und vor allem heimlich. Er las sich in der Matrix ein und erfuhr so, dass magisch begabte Menschen sehr selten in der erwachten Welt seien. Und gesucht. Und gefürchtet. Verdammt! Was schlimmer war, wusste er nicht.
Seine Eltern hatten nie über Magie gesprochen und Joscha selbst wusste nur von Karl Kombat Mage und anderen Trid, was Magie war. Naja, was die im Trid behaupteten, was Magie sein sollte.
Wenn er Magie wirkte, ja klar, mehr Fäden ziehen als wirken, fühlte es sich nicht so heroisch wie im Trid an. Auch war er nach seinen ersten Gehversuchen ziemlich müde. Was unpraktisch war, weil er ja keine Lust hatte, aufzustehen weil er eben müde war. Magie zu wirken machte ihn anfangs nur noch müder. Sehr viel müder. Einmal hatte er sogar Nasenbluten.
So fand er heraus, dass er genug Schlaf und Essen brauchte. Dann klappte es besser.
Den heruntergefallenen Blumentopf, erklärte er seiner Mutter mit Unachtsamkeit. Das komplett abgefackelte Teelicht, war schwerer zu erklären. Zumal, was wollte er überhaupt damit? Die Dinger liegen seit er denken konnte, verstaubt im Küchenregal.
In der Schule bemühte er sich, nicht damit aufzufallen. Er wusste, dass einige Eltern absolute Gegner von Magie waren. Viele des Lehrpersonals auch.
Hier in Kiel gab es die Abteilung 7. Sie kam unregelmäßig an Schulen, um magisch begabte Kinder zu entdecken. Meist wurden die Leute der Abteilung 7, die auch die Inquisition genannt wurde, von gut gekleideten Personen begleitet, die definitiv nicht im öffentlichen Dienst arbeiteten und Konzern-Anstecker trugen. Diese hielten sich gern im Hintergrund, sagten nichts und schauten sich nur die Kinder an. Gruselig.
Joscha überlegte, ob er wohl verstecken könnte, dass er irgendwas mit Magie konnte. Er wusste nur nicht wie. Der Inquisition wollte er nicht auffallen.
Seinen ersten kleinen Geist beschwor er aus Langeweile und Neugier. Lange dachte er darüber nach, grübelte und wünschte sich einen kleinen Geist. Und als dieser plötzlich PUFF direkt vor seiner Nase erschien und „GUTEN TAG“ quäkte, haute es ihn fast vom Stuhl.
Sein Geist war so laut, „WAS KANN ICH FÜR EUCH TUN?“ dass Joschas Mutter rief „Alles in Ordnung bei dir?“
„Ja, Mama! Alles in Ordnung.“
Und, wie Mütter so sind, sind sie erst recht alarmiert, wenn ihr Kind behauptet, alles sei in Ordnung. So ging sie hörbar durch den Flur auf sein Zimmer zu und hektisch versuchte er den Geist zu verscheuchen.
„Warum soll ich verschwinden, Schatz?“
„Äh, was? Nein! Nicht du, Mama. Äh, hier war eine, äh, Fliege. Eine nervige Fliege, weißt du.“
Der skeptische Blick seiner Mutter strafte seine Worte Lügen, doch, sie gab sich, nach einem prüfenden Rundumblick, zufrieden und ging wieder.
Joscha zog die Schublade auf und sein kleiner Geist kam mit einem sehr beleidigtem Blick daraus hervor.
„Da drinnen ist es eng! Dunkel! Und sehr staubig, mein Herr! Ich verbitte mir, dort wieder hin eingesperrt zu werden!“
„Nicht so laut! Wer bist du überhaupt? Und antworte leise!“
„Ich bin dein Geist, den du gerufen hast, was glaubst du denn? Du hast ja schließlich lange genug gezogen. Irgendwann kam ich nachsehen, wer da so nervt.“
„Ich … nerve? Äh, ich hatte nur gedacht, also gewünscht äh.“
„Och nee! Ein Anfänger. Na, dass kann ja heiter werden.“
Der kleine Geist setzte sich beleidigt in die Luft, verschränkte die Arme und drehte ihm, in der Luft sitzend, den Rücken zu.
„Bleibst du jetzt für immer?“
„Pff. Bei deinen bisherigen Fähigkeiten? Wohl kaum. Da hält mich hier nichts.“
„Ah, ok. Und wenn ich mir wünsche, dass du bliebest?“
„Hilft nichts. Da muss schon mehr kommen.“
„Bist du frei? Ich habe gehört, dass Geister gebunden sind.“
„Kleiner Herr!“ der etwa handgroße Geist schaute ihn von unten mitleidig an. „Bei Eurer momentanen Fähigkeit, nein, da hält es mich nicht lange.“
„Verstehe. Dann kann ich dich ja gleich frei lassen, oder?“
Der Geist sah ihn nachdenklich einige lange Augenblicke an. Dann antwortete er nachdenklich: „Das könntet Ihr tun, junger Herr.“
„Dann bist du hiermit frei und kannst gehen. Ich möchte keine Gefangenen.“
Joscha machte dazu eine freundliche gebende Handbewegung.
Der Geist schwebte noch etwas in der Luft, winkte und sagte „Wir sehen uns wieder.“
Joscha war nicht sicher, ob das eine Drohung oder ein freundliche gemeint war.
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